ACCORDION NIGHT
29. Internationale Theaterhaus Jazztage

Von der Musette in Paris über die Schrammelmusik in Wien und der Sinti- und Roma-Musik aus den Balkanstaaten bis hin zum Tango in Buenos Aires. Das Akkordeon ist vor allem in der populären Musik beliebt, ein gern gesehener Begleiter in der Haus- und Volksmusik, das „Orchester des kleinen Mannes“. In der Klassik und auch im Jazz ist es aber bis heute immer noch ein Exot, auch wenn die Crossover- und Weltmusikwelle ab Anfang der 80er Jahre das Instrument stärker in den Fokus rückte. Vor allem der Argentinier Astor Piazolla mit seinem Tango Nuevo und, auf Seiten des Jazz, dessen Schüler, der Franzose Richard Galliano, machten das Akkordeon hoffähig und ließen es in die sogenannte Hochkultur aufsteigen. Die Entwicklung des europäischen Jazz der letzten zwei Dekaden gab dem Instrument einen festen Platz, suchte er doch vor allem nach einer eigenen Identität durch die Verschmelzung mit der länderspezifischen traditionellen Musik.

Dass das Akkordeon bis heute trotzdem noch ein zu Unrecht oft verkanntes Instrument ist, verdeutlicht eine Anekdote von Vincent Peirani, der heute das Instrument „virtuos modernisiert“ (3sat Kulturzeit): „Ich wollte als Kind immer Schlagzeug lernen, das Akkordeon war ein Instrument für Großeltern, aber mein Vater hat mich dazu gezwungen […] Als ich Mendelssohn und Bach darauf spielen gelernt habe, da habe ich erst die Vielseitigkeit des Instruments kapiert und dann habe ich es adoptiert oder es mich…“ Es sind diese Klangvielfalt, der Facettenreichtum und die musikalischen Entfaltungs-möglichkeiten die „Jazz at Berlin Philharmonic IV“ präsentiert. Unter den Fingern von vier weltweit gefeierten Protagonisten wurde das Akkordeon im ausverkauften Kammermusiksaal zur Wunderkiste: Vincent Peirani aus Frankreich, der Österreicher Klaus Paier, Stian Carstensen aus Norwegen und Régis Gizavo aus Madagaskar.
Der klassisch ausgebildete Klaus Paier ist ein abenteuerlustiger Klangraumforscher, der mit seiner langjährigen Duopartnerin, ebenfalls aus der abendländischen Kunstmusik kommenden, Asja Valcic am Cello mitreißend arrangierte Grenzgänge zwischen Jazz, Klassik, Musette und Weltmusik, kurz: „Eurojazz vom Besten“ (Der Spiegel) entstehen lässt. Bei Jazz at Berlin Philharmonic zaubern sie einen wilden Tango Nuevo („Tango Loco“) aufs Parkett.

„Peirani kann am Akkordeon fast alles“, stellte die FAZ unlängst fest. Die Entdeckung des Jahres 2014 in Frankreich (Victoire du Jazz) gilt laut Fono Forum als „Jahrhunderttalent“ und großer Erneuerer seines Instruments. Mit seinem Alter Ego, Emile Parisien, bildet er ein Traumpaar, das unlängst mit dem ECHO Jazz 2015 für die beste internationale Ensemble-Leistung (für das Album „Belle Époque“) ausgezeichnet wurde.

"Connecting the unexpected" - überraschende, nicht selbstverständliche künstlerische Begegnungen können magische Momente entstehen lassen: An diesem Abend initiierte Siggi Loch zwei Duos, die erstmals aufeinandertrafen: Der Hansdampf in allen Genres, Stian Carstensen, bekannt aus seiner multistilistischen Paradeband „Farmers Market“ trifft auf den polnischen Geigen-Wizard Adam Bałdych. Mit zwei Stücken zeichnet er auf „Jazz at Berlin Philharmonic IV“ ein musikalisches Bild seiner skandinavischen Heimat. Régis Gizavo ist ein Exot am Akkordeon, als einziger der vier ein Autodidakt und ohne klassische Ausbildung. Sein Handwerk hat er auf den Straßen Madagaskars gelernt, bei Feiern seines Dorfes und in Kneipen. Gizavo schnappte alles auf, was ihm zu Ohren kam, von der heimischen Volksmusik bis zu portugiesischen und südafrikanischen Klängen, vor allem durch die Radiosender des benachbarten Mosambik. Mit Nguyên Lê, seitjeher eine Gallionsfigur für weltmusikalische Klänge und ein musikalischer Wanderer zwischen Europa, Asien und Afrika, findet er den perfekten Partner an seiner Seite. So virtuos und eigenwillig erweitert haben traditionelle madagassische Klänge noch nie geklungen. Den krönenden Abschluss der „Accordion Night“ bildet Astor Piazollas „Libertango“, das Paradestück für Akkordeonisten schlechthin. Von allen Künstlern zusammen interpretiert, hat man diesen ewigen Klassiker in dieser Besetzung sicher noch nie gehört. Und so findet erneut ein denkwürdiger und umjubelter „Jazz at Berlin Philharmonic“-Konzertabend ein fulminantes Ende.

Klaus Paier (acc)
Asja Valčić (vc)

Régis Gizavo (acc, voc)
Nguyên Lê (g)

Stian Carstensen (acc)
Ola Kvernberg (v)

Vincent Peirani (acc)
Emile Parisien (sax)

Weitere Informationen
Konzert

Die 29. Internationalen Theaterhaus-Jazztage werden von der Mercedes-Benz Bank gefördert.

 

 

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